René Knabl
 
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Der Uhrturm – wer hat an der Uhr gedreht?

Jeder kennt ihn, jeder hat ihn schon mal gesehen und er ist möglicherweise der bekannteste Grazer: Die Rede ist nicht von Arnold Schwarzenegger, sondern vom Grazer Wahrzeichen, dem Uhrturm. Doch es haben noch nicht viele die Chance bekommen, ihn von innen zu sehen. Ich kann mich glücklich schätzen, die hölzernen Treppen des im 13. Jahrhundert erbauten Meisterwerks betreten zu haben.

Nach dem Öffnen der Eingangstür sind ein paar knarrende Stufen zu bewältigen, damit man die Gewichte, die die Uhrzeiger in Bewegung setzen, zu sehen bekommt.

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Als ich ein merkwürdiges Geräusch höre, drehe ich mich um, um nachzusehen ob noch jemand im Uhrturm ist. Es hat sich angehört, als ob hinter mir etwas vorbeigehen würde, doch es war nur das alte Holz, das sich gedehnt hat. Ich hoffe es jedenfalls.

Nach diesem Zwischenfall führen mich die Stufen ins erste Stockwerk des dreistöckigen Baus. Die Mauern bestehen aus soliden alten Ziegeln, auf denen sich im Laufe der Zeit Staub abgesetzt hat.

In der ersten Etage steht ein schwarzes Etwas, das sich schnell als Uhrwerk entpuppt. Es wurde im August 1712 vom Uhrmacher Sylvester Funk fertiggestellt. Im Jahre 1821 erhielt die Uhrturm-Uhr eine neue Steuerung, damit die riesigen Zeiger dem Winddruck besser standhalten können. Vor einigen Jahren wurde eine Funkuhr eingebaut, die den Grazern eine genaue Zeitauskunft geben kann.

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Beim Verlassen der winzigen Kammer sehe ich eine Spinne, die gerade ihr Netz erweitert. Dieser Anblick erinnert mich an einen Mittelalterfilm, denn das Innere des Turms passt zeitlich genau in diese Epoche.

Das nächste Zimmer ist die Schlafstätte des ehemaligen Turmwärters, der bis in die fünfziger Jahre den Uhrturm bewohnte. Das Zimmer ist klein und einfach gebaut. Es liegt ein komischer Geruch in der Luft, vergleichbar mit altem staubigen Holz, das jahrelang nicht gepflegt wurde. Dennoch hat man einen wunderschönen Ausblick und kann die Insekten beobachten, die sich dort eingenistet haben. Als ich unter dem Türrahmen stehe, blicke ich noch einmal zurück und sehe tatsächlich Fußabdrücke im Staub, wo ich gerade fotografiert habe.

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Im zweiten Stock ist der hölzerne Trakt des Wahrzeichens, der noch lauter knarrt als die Treppen. Nachdem ich mich überzeugt habe, dass die Holzbretter stabil sind, betrete ich vorsichtig den Trakt. Auch hier riecht es nach altem Holz und in den Ecken sowie in den Zwischenräumen der Bretter befinden sich Spinnennetze. Der Geruch ist hier etwas intensiver, da die Sonne direkt auf die Holzbalken strahlt und den Gang erwärmt. Bei den Fenstern, die in Richtung der Stadt ausgelegt sind, wurden früher Flaggen hinausgehalten, um der Bevölkerung mitzuteilen, aus welcher Richtung die Stadt angegriffen wird.

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Die letzte Station meiner Uhrturmrunde ist im dritten Stock: der Dachboden. Dort hängen die Glocken, die zu jeder vollen Stunde zu läuten beginnen. Und wie es der Zufall  will, ist es 11 Uhr und nach dem Erklingen der Stundenglocke habe ich das Gefühl, als ob mein Kopf explodieren würde.

Nach ein paar tauben Minuten steige ich wieder die verstaubten Stufen hinab zum Eingang. Ich bin ehrlich gesagt froh, dass ich nicht über die engen Treppen gestolpert bin. Aber der Ausflug ins Grazer Wahrzeichen war ziemlich bemerkenswert.

Fotos: René Knabl / Holding Graz

 


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