Umsiedelung eines Steinkrebses
 
Kevin Griebaum
 
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Edel sei der Krebs

Lautes Motorengeräusch lässt die Wildenten aufschrecken. Die Menschen sind sie ja gewohnt, aber warum machen die heute plötzlich so einen Lärm? Und was hat der große Absaugwagen der Holding Graz hier zu suchen? Aber sie werden bald wissen, warum der ausgerückt ist. Mit seiner Hilfe werden Krebse heute aus dem Freibad gerettet.

Es sind Steinkrebse, um genau zu sein. Sie haben sich in den Sandfilteranlagen des Straßganger Bades angesiedelt. Nicht gerade freiwillig, soviel steht fest. Jetzt heißt es, die unter Naturschutz stehenden Zwicker wieder dorthin zu bringen, wo sie auch wirklich hingehören.

Aufgrund der Tatsache, dass Steinkrebse sich nur in absolut sauberen Gewässern ansiedeln, könnte der Betreiber des Bades die Schalentiere durchaus als Gütesiegel betrachten. Aber ein Leben in einer Sandfilteranlage ist auch nicht immer abendfüllend.

Bei der Umsiedelung muss jeder Handgriff sitzen. Man kann nicht einfach in einen Behälter greifen, die Krebse schnappen und irgendwo wieder aussetzen. Professionelle Hilfe ist gefragt.

Arnold Semlitsch und Gerd Richter sind diese Hilfe. Kurz vor 9 trifft man sich bei der Rettungszufahrt zum Bad mit einem Absaugwagen. Badegäste sind von den Enten abgesehen noch keine vor Ort. Nur ein paar Campingbewohner schauen neugierig aus ihren Wohnwägen und versuchen zu erkennen, warum hier etwas abgesaugt wird. Vergeblich; denn hinter einer kleinen Hecke liegt der Bach und die Filteranlage, die zum Schauplatz für die Rettungsaktion wird. Unter der Aufsicht von Arnold Semlitsch pumpen Kollegen vom Spartenbereich Abwasser selbiges aus der Anlage. Gerd Richter, seines Zeichens Landesbeauftragter für Fischerei, ist der Experte, der genau weiß, wie er die unter Naturschutz stehenden Krebse am besten aus dem Schlamm bekommt.

Dazu ist sich Richter auch nicht zu fein, seine eigenen Hände schmutzig zu machen: Mit Stirnlampe und Kübel bewaffnet steigt er den Kanalschacht hinunter, um die Scherenträger behutsam samt Schlamm in den Eimer zu legen.

Der erste gerettete Krebs ist gleich ein ganz großer: auch wenn ihm eine Schere fehlt, hat er in etwa die Abmessungen einer Männerhand. „Das hier… ist kein Steinkrebs“, erklärt Richter. „Wir haben hier einen Edelkrebs.“ Ein bisschen stolz wirkt er schon. Generell erinnert Richter ein bisschen an den Schauspieler Sir Ben Kingsley, wenn er von seiner Arbeit erzählt und etwas ernster wird.

Der Edelkrebs in seiner Hand ist der erste, der in eine Wasserwanne kommt, um dort auf den Transport zu warten. Einige Zeit später sind insgesamt 62 Krebse unterschiedlicher Größe vom Schlamm befreit, gewaschen und in Wannen verteilt. Jetzt heißt es, die Krustentiere mit den Scherenhänden dorthin zurück zu siedeln, wo sie in Frieden leben können. Erste Station: Katzelbach, nur wenige Minuten vom Bad Straßgang entfernt.

Zurecht fragt man sich jetzt vielleicht, wieso man die Krebse erst wieder in den Bach setzt, der direkt in die Filteranlage läuft. Gerd Richter muss bei der Antwort schmunzeln: „Es stimmt, es wirkt etwas unlogisch, aber Krebse sind sehr sensibel, was das betrifft. Es ist schwer, sie in fremde Gewässer zu siedeln, da man nicht weiß, welche Krankheiten und Erreger dort drin sind.“ Im Konkreten meint er die amerikanischen Signalkrebse, die bei unseren heimischen Flusskrabblern die Krebspest verbreiten. Ein Algenpilz, der die Tiere krank macht und schließlich tötet. „Ist ein Gewässer damit einmal infiziert, ist es für unsere heimischen Krebse für immer verloren“, mahnt Richter.

An insgesamt drei Orten werden die Krebse am Katzelbach eingesiedelt, bevor es etwas weiter Richtung Voitsberg zur letzten Station geht. Dichtes Gebüsch, tief hängende Äste, hohes Gras und schlammige Sandbänke müssen überwunden werden, damit die Krebse schließlich dort wieder frei gelassen werden können, wo sie ideale Lebensbedingungen vorfinden: auf einer kleinen, sonnendurchfluteten Lichtung, mitten in der Idylle. Krebs müsste man sein.

Fotos: Kevin Griebaum / Holding Graz, Oliver Stiger / Holding Graz

 


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